Erika Anderson - Die Kamerafrau

Wem verdanken wir den Film ALBERT SCHWEITZER? Erika Anderson reiste mehrfach nach Lambarene, überzeugte Albert Schweitzer vom Medium Film, und drehte mit ihrer 16-mm-Filmkamera diesen Dokumentarfilm über Albert Schweitzer. Neben dem Film ALBERT SCHWEITZER existieren unzählige Stunden von Filmmaterial, das Erika Anderson in Lambarene aufgenommen hat. Ohne diese Frau wäre die Stimme aus dem Urwald niemals auf die Leinwand gekommen.

* 8. August 1914 in Wien
+ 23. September 1976 in Great Barrington, USA

Erika Kellner wurde in Wien als Tochter eines assimilierten jüdischen Hals-Nasen-Ohren-Arztes und seiner Frau Ilona Rosenberg geboren.

Nach der Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt absolvierte Erika Kellner ein Praktikum im Wiener Fotostudio von Georg Fayer. Obwohl ihre Eltern und Schwester Anita bereits 1936 in die USA emigrierten, ging Erika Kellner nach London und arbeitete in verschiedenen Kunstgalerien. 1939 heiratete sie den britischen Arzt William Adrian Col¬lier-Anderson.

1940 emigrierte Erika Anderson nach Amerika und schrieb sich am New York Institute of Photography für eine Ausbildung als Kamerafrau ein. 1945, nach Ende ihres Studiums, ließ sie sich scheiden und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, eröffnete sie in New York ein Fotostudio, das sie bis 1965 betrieb. In den vierziger Jahren entstanden die ersten Dokumentarfilme, z.B. über den Bildhauer Henry Moore (1947) und über die Malerin Grandma Moses (1950).

Erica Anderson filmend ca. 1955

Erica Anderson filmend ca. 1955

Anfang der fünfziger Jahre beschloss Erika Anderson, mit ihrer 16-mm-Filmkamera einen Dokumentarfilm über Albert Schweitzer zu drehen. Sie reiste nach Afrika, und es gelang ihr, Albert Schweitzer von diesem Projekt zu überzeugen. Sie begleitete ihn bis 1959 auf vielen seiner Europareisen. Neben Tausenden von Fotos entstanden auch (heimliche) Tonbandaufnahmen von ihren Gesprächen.

Ab 1954 drehte sie, gemeinsam mit dem Filmproduzenten Jerome Hill, den Dokumentarfilm Albert Schweitzer, der Anfang 1957 im Guild Theater in New York uraufgeführt wurde. Im selben Jahr wurde Jerome Hill als Produzent für den Dokumentarfilm Albert Schweitzer der Academy Award (Oscar) verliehen.

1965 entstand als Gemeinschaftsarbeit mit Albert Schweitzers Tochter Rhena der 44-minütige Farbfilm «The living work of Albert Schweitzer». Die amerikanische Filmwissenschaftlerin Cécile Starr bezeichnete Erika Anderson als die erste Frau, die ab 1941 in den USA professionell als «movie camera operator» gearbeitet hat. Es entstanden noch weitere Dokumentarfilme, darunter ein nie vollendetes Porträt des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung.

Ein Jahr nach dem Tode Albert Schweitzers kaufte Erica Anderson 1966 in Great Barrington (US-Bundesstaat Massachusetts) ein großes Grundstück und errichtete darauf das «Albert Schweitzer Friendship House». Das Albert-Schweitzer-Archiv enthielt neben Handschriften viele Original-Tonbandaufzeichnungen sowie über 37.000 Bilddokumente.

Nach Erika Andersons Tod 1976 erbte der amerikanische Unterstützungsverein für Lambarene (American Fellowship) das Haus und das Archiv, welches 1995/96 aus Kostengründen geschlossen werden musste. Das Archiv wurde als Depositum der Syracuse University im US-Bundesstaat New York übergeben.  

Die Asche von Erika Anderson ruht auf dem kleinen Friedhof in Lambarene.